Bestandsgeschichte

Zu einer Zeit, da Freiberg ein „zweytes Berggeschrei“ erlebte, eine Stimmung des geistigen Aufbruchs und wirtschaftlichen Aufschwungs das Land erfasste und Bildung immer mehr zum Bedürfnis wurde, ließ es sich das Bürgertum nicht nehmen, eine eigene Schule zu gründen. Diese, inzwischen fast 495 Jahre alt und als „Geschwister – Scholl – Gymnasium“ nicht nur Freibergern bekannt, zählt neben der Kreuzschule, der Thomasschule und der Ratsschule Zwickau zu den ältesten höheren Bildungseinrichtungen Sachsens.

In ihrem „Stammhaus“, dem am 12. Oktober 1875 eingeweihten „Albertinum“, befindet sich ein Kleinod von schulischer, regionaler und nationaler Bedeutsamkeit, die Andreas-Möller-Bibliothek.
Johannes Tetzel


Wie die Schulgründung ist auch der Aufbau der Bibliothek in den ökonomischen, geistigen und kulturellen Kontext der Entstehungszeit einzuordnen. Freiberg und sein Umland waren katholisch, Tetzel verkaufte 1507 mit Erfolg Ablasszettel und die katholische Priesterschaft zelebrierte 1516 geistliche Spiele auf dem Obermarkt der Stadt.

Das änderte sich mit der offiziellen Einführung der Reformation im „Freiberger Land“ durch Herzog Heinrich den Frommen (1473-1541), dem Bruder des in Dresden regierenden katholischen Georg. Domstift und Klöster wurden aufgelöst, die Bücher der Dominikaner, der Franziskaner, des Jungfrauenklosters und des Collegiatstifts in ein Gewölbe der Domkirche geschafft. Der größte Teil dieses Bestandes ging im Mai 1565 in einem festlichen Akt an die Lateinschule, die das Gebäude des ehemaligen Domstifts, das jetzige Stadt- und Bergbaumuseum am Untermarkt, bezogen hatte. In erster Linie handelte es sich um Bestände des 1233 gegründeten Klosters der Dominikaner und des vermutlich im gleichen Jahr entstandenen Franziskanerklosters sowie des 1480 gebildeten Domstifts. Die Bücher des Jungfrauenklosters blieben in kirchlichem Besitz.

 

Heinrich der Fromme

Transferieret in das hinderste Auditorium“, so der Stadtchron ist Andreas Möller (1598-1660), wurde die Bibliothek erstmals 1578 durch den Rektor neu inventarisiert.
Erste Aufzeichnungen ergaben zwar nur 736 Bände, doch dafür „etliche uhralte denkwürdige Stücke“, unter anderem gedruckt von Peter Schöffer, der sein Handwerk in der Werkstatt Gutenbergs erlernt hatte.

"Missale ecclesiae Misnensis", ein Messbuch für den Bischof von Meißen. Hergestellt im Zwei-Farben-Druck wurde es am 9. November 1495 durch den Drucker Konrad Kachelofen in Freiberg vollendet. Es ist der einzige "Freiberger Wiegendruck" und somit ein Werk von besonderer regionalgeschichtlicher Bedeutung.


In den folgenden Jahren unterlag die Bibliotheksentwicklung zahlreichen Schwankungen, über Jahre war sie sogar gänzlich geschlossen.

Als 1630 Andreas Möller zusammen mit Georg Platner das Amt des  Bibliothekars übernahm und 967 Bücher ihrer Obhut anvertraut wurden, fand ein zwanzigjähriger „Dornröschenschlaf“ der Schulbibliothek ein Ende.

"Biblia Sacra Hebraice, Chaldaice, Graece et Latine", 1571. Wappen der Brüder von Wallwitz, den Stiftern dieses Frühdrucks


Allein 1631 war es möglich, 53 Bände zu erstehen und 1644 erfolgte ein Zuwachs von 94 Bänden aus der Bibliothek des kursächsischen Kanzlers Georg Cracau (1525-1575).

"In der Kunst liegt das Zeitlose, nicht das Zeitgemäße." H. Hesse

Auch wenn es, wahrscheinlich finanziell bedingt, Veräußerungen gab, so wurde 1644/45 beschriebenes Pergament als Makulatur an Buchbinder inner- und außerhalb Freibergs verkauft, weitere kostbare Stücke zwischen 1776 und 1801, das traurige Schicksal der Vernichtung blieb unserer Bibliothek erspart.

Zwei beschriebene Pergamentstreifen (insgesamt vier), die 1885 aus einem Folianten der Bibliothek herausgelöst wurden und Bestandteil einer mittelhochdeutschen Handschrift sind, die das größte vorhandene Fragment der Reimchronik des Nikolaus von Jeroschin darstellt (14.Jhd.).
Der "Sachsenspiegel", das Rechtsbuch des Mittelalters
"Hygini de siberibus tractatus...", eine Pergamenthandschrift mit illuminierten Zeichnungen der Tierkreissymbole, vermutlich entstanden im 13. oder 14. Jahrhundert.


Ein breites Fächerspektrum umfassend weisen die Kataloge heute eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Handschriften aus, darunter Pergament- und Papierhandschriften aus dem Mittelalter.

Tschechische Handschrift aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die Einzelheiten des Konstanzer Konzils von 1415 zum Inhalt hat und die Vorgänge wiedergibt, die zur Verurteilung und Verbrennung von Jan Hus führten.
"Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande"


Über 500 Inkunabeln, auch Wiegendrucke genannt, darunter viele Stücke, die durch ihre drucktechnische und sonstige Ausstattung (Initialen, Miniaturen, Randleisten, Holzschnitte, Einbände) bestechen, 1754 Frühdrucke sowie Drucke des 17. und 18. Jahrhunderts runden den historischen Altbestand ab.

 

Vorlutherische Bibel (Inkunabel), gedruckt 1485 in Straßburg
1534 gedruckte Psalmen, versehen mit Randbemerkungen und der Unterschrift des Reformators


Wenn in nächster Zeit unser Codex und ein völlig zerlesener Band der 1543 gedruckten und mit handschriftlichen Eintragungen Luthers versehenen Psalmen restauriert werden können, sei dafür ganz herzlich Dr. Michael Eßlinger und seinen Geburtstagsgästen gedankt! Seine Gäste folgten in großzügiger Weise dem "Aufruf" des Jubilars und seiner Frau, anstelle von Geschenken unsere fast 450 Jahre alte Schulbibliothek zu bedenken.

 

Der "Codex Fribergensis", ein vermutlich um 1430 enstandenes Neues Testament in deutscher Sprache.


Entstanden aus humanistischem Geist haben sich Generationen um die Bibliothek verdient gemacht, mit Fleiß und Akribie für ihre Erhaltung gesorgt, radikale Eingriffe abgewehrt, ihre Bestände erforscht und vermehrt.

Bibliotheksleiter, stellvertretend seien Dr. Paul Krenkel, Hellmut Döring und Hans-Christian Neumann genannt, ließen sich in ihrem Tun und Handeln davon leiten, dass "Bücher Brot sind, deren der Mensch bedarf".

Am 07.11.1986 erhält die Bibliothek den Namen von Andreas Möller. Gratulation für Hans-Christian Neumann, einem langjährigen und engagierten Leiter der Bibliothek.
Dr. Paul Krenkel (1884-1960)
Hellmut Döring (1903-1995)
Hans-Christian Neumann (1924-1987)
Im Vortragsraum der Bibliothek bei der Namensgebung

Unsere Bibliothek heute


Bis 2005 war unser Gymnasium in drei Häuser (Haus Albertinum, Haus Dürer und Haus Jacobi) aufgeteilt. In dem Haus "Albertinum" befindet sich noch heute die Andreas-Möller-Bibliothek.

Der bei deren Einweihung durch den Abiturienten Johannes Schadock geäußerte Wunsch, doch einmal zu überlegen, ob es nicht möglich ist, angesammeltes Wissen in Form gebrauchsfähiger Schriften der jungen Generation zur Verfügung zu stellen und damit zugleich der "Überlastung" des eigenen Bücherregals vorzubeugen, sei an dieser Stelle aufgegriffen und an Sie als Leser dieser Zeilen weitergegeben.

Ein großer Dank an unsere Schüler, die fleißig und uneigennützig beim Aus- und Einräumen der Bibliothek halfen, ihre Kräfte beim Buchtransport maßen und jedes Buch des Altbestandes in Transportlisten erfassten.

 

Tag der Offenen Tür 2004 anlässlich der Einweihung des neu restaurierten Hauses "Albertinum"
Ein "einmaliger Bücherschatz" geht von Freiberg aus auf Reisen. Die Abiturientin Jenny Eilers beim Ausräumen der Historischen Bibliothek.
"Bibliotheken sind das Aushängeschild und die Visitenkarte, die Seele einer jeden Schule." Kurt Schwabe
Ein großer Dank an unsere Schüler, die fleißig und uneigennützig beim Aus- und Einräumen der Bibliothek halfen, ihre Kräfte beim Buchtransport maßen und jedes Buch des Altbestandes in Transportlisten erfassten.
"Wir wollen fleißige Handwerker sehen". Schüler beim Einräumen der Möller-Bibliothek.


Wenn Ihnen unser kleiner virtueller Rundgang gefallen hat, so wäre das für uns ein schöner Dank. 

Sollten sie allerdings Möglichkeiten sehen uns, unsere Bibliothek und unsere Schule in ihrer Arbeit zu unterstützen, sich einzureihen in die Reihen der Freunde und Förderer, würde der Dank sich natürlich vervielfachen.

Der Dankesworte sind eigentlich genug geäußert, doch möge es mir an dieser Stelle erlaubt sein, allen zu danken, die mich bisher in meiner Arbeit als Bewahrer unseres Kleinods unterstützten, meinen Schülern, verständnisvollen Kolleginnen und Kollegen, edlen Spendern und den vielen Besuchern mit ihren anerkennenden Worten. Seien es die Abiturientin, die nach der Rekonstruktion vom Taschengeld die ersten 2 Euro in die Spendentruhe einwarf, Klassenspenden von ehemaligen und jetzigen Abiturienten, der Förderverein unter Leitung von Frau Trobsch, die Mitglieder vom Lions- und Rotaryclub, die bewegenden Zeilen von Herrn Henkel, das Engagement von Frau Apel und Herrn Samtleben, Herrn Docekals "Schließdienst" nach abendlichen Bibliotheksführungen, die Fotographen, die Bibliotheks-AG oder die Abiturienten Jan Brandenburger und Tobias Wanielik, die die technische Umsetzung dieser Präsentation managten, sie alle und nicht nur sie machen Mut, stimmen optimistisch und geben Kraft. 
Mögen Bibliothek und Schule auch weiterhin eine gedeihliche Entwicklung nehmen und das 500-jährige Jubliläum von 2015 in einer friedvollen Zeit stattfinden!

"GLÜCK AUF!" und "Herzlich Willkommen!" im Albertinum       

V.f.d.I.:  V.Bannies