Eine Reiseerfahrung von Aaron Herrmann

Wenn ich von dem bevorstehenden Schüleraustausch nach Russland erzählte, war wohl die häufigste Reaktion ein ebenso verwirrtes wie ein von einer gewissen Ahnungslosigkeit bezeugendes Okay… Und tatsächlich: Jeden Tag wurden wir aufs Neue belehrt, wie viele Wege eine Gesellschaft gehen kann, Freundschaften aufzubauen und Fröhlichkeit und Herzlichkeit in die Welt mit einer Selbstverständlichkeit und Intensität zu setzen, wie wir es in Deutschland deutlich seltener erleben.

Schon als wir aus dem Flugzeug Moskau und später die Wolga erblickten, wurde klar, dass dieses Land wohl kaum mit den uns bekannten Maßstäben zu messen ist. So steht zum Beispiel scheinbar die Länge einer Zugstrecke im umgekehrten Verhältnis zur Geschwindigkeit des Zuges, sodass die Metro in Moskau deutlich schneller erschien als der Nachtzug nach Tambov. Dort würden wir die nächsten Tage damit zubringen, Land und Leute aus der Sicht unserer Gastfamilien kennenzulernen. Unsere russischen Austauschpartner fanden jeden Abend ein anderes tolles und vor allem leckeres Café, in denen uns auch (meistens) eine wirkliche Gastfreundschaft gezeigt wurde. In den Gastfamilien wurden wir in jederlei Hinsicht exzellent versorgt, sodass wir schon nach wenigen Tagen in Deutschland die selbstgemachten Blini und Pelmeni auf dem Frühstückstisch vermissten.

Auch in unserer neuen Heimatstadt wurden wir immer wieder aufs neue von tollen Eindrücken, wie der Uferstraße an dem (ausnahmsweise wirklich) kleinen Fluss Zna, dem Stadtzentrum mit der russisch-orthodoxen Kirche, wunderschönen Bauwerken aus dem Jugendstil und natürlich den zahlreichen Denkmälern zum Zweiten Weltkrieg und zur Religion und Kultur Tambovs überrascht. Die Schule, in der unsere Gastschüler lernen – ein ehemaliges Lazarett – erinnerte lustigerweise aufgrund der Gänge und Treppenhäuser an unser Haus Dürer; nur sind in diesem Gebäude die älteren Jahrgänge untergebracht.

Unser Programm gestaltete sich sehr abwechslungsreich: es gab Schulbesuche, eine Stadtführung, einen Museumsbesuch, eine Besichtigung eines russischen Herrenhauses, wir durften einer öffentlichen Probe des europaweit bekannten Tanzensembles Iwushka beiwohnen und es gab viel Freizeit mit der Gastfamilie und den anderen Austauschteilnehmern. Aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. durfte auch ein kleiner Arbeitseinsatz neben einer Gedenkfeier auf dem Kriegsgräberfriedhof für die Opfer des Kriegsgefangenenlagers in Rada im angrenzenden Waldgebiet nicht fehlen. Dadurch wurde uns die Möglichkeit gegeben, die gemeinsame Vergangenheit mit Frieden und Freundschaft zu verarbeiten. Darüber hinaus wird unter den selben Aspekten der gemeinsamen Arbeit für den Frieden ein Fotoprojekt in Form eines Kalenders durchgeführt, welcher in Zusammenarbeit der Austauschpartner über die Zeit des Austausches hinaus erstellt wird.

 Nach sechs wunderbaren Tagen in Tambov ging es dann auf eine lange Busfahrt durch die russische Steppe und Wälder bis nach Wolgograd, wo wir weitere zwei Tage verbrachten. Auch hier wurden unsere Vorstellungen von einer vor siebzig Jahren noch komplett zerstörten Stadt sehr positiv überrascht, denn der Stadtkern strahlte spürbar die Kraft des immer wieder aufkeimenden Lebens aus, selbst wenn die Erde einmal vom Blut unserer beider Nationen getränkt gewesen war. Auch in Wolgograd besuchten wir einen Kriegsgräberfriedhof und gedachten in Rossoschka, inmitten von über Zweihunderttausend deutschen sowie sowjetischen Gefallen den Opfern des Krieges.  Wir begaben uns neben einer Stadtführung und zwei Museen auf den Mamajew Hügel, dem größten und eindrucksvollsten Denkmalkomplex des Zweiten Weltkrieges, welcher dem Krieg wie auch der Liebe zur Heimat gewidmet ist. Dort genossen wir die Abendstimmung mit einem wunderbaren Ausblick auf die Wolga und auf die riesige Stadt an ihrem linken Ufer. Den Höhepunkt bildete eine Schiffsfahrt auf der Wolga und wir erlebten ein letztes Mal einen Sonnenuntergang in dem Land, dessen Ausstrahlung und Leute wir schon längst liebgewonnen hatten.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass letzten Endes wir Schüler es waren, denen besagtes Okay… oft genug entlockt wurde. Jedoch wurde die Verwirrtheit und Ahnungslosigkeit im Kontext des Staunens und der Überwältigung zu einem eher ehrfürchtigen Gefühl, welches in Verbindung mit den Freundschaften eine ungeahnte Vorfreude auf den Rückbesuch im nächsten Frühjahr erzeugt.

Nun soll auch noch einmal all denen gedankt werden, welche uns den Austausch überhaupt ermöglicht haben und durch ihr Engagement, es zu einer Zeit gemacht haben, die durchaus als Grundstein für Verbindungen zu sehen ist, welche mehr als nur lose Bekanntschaften sind und welche dafür verantwortlich gemacht werden dürfen, wie nichtig frühere und heutige militärische Propaganda ist. Vielmehr sollen sie den Wert des Geschenkes des Friedens in den Köpfen der Menschen aufrechterhalten. An erster Stelle sei also Carsten Riedel und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. ein großes Dankeschön für das Management und die Förderung ausgesprochen. Natürlich funktioniert ein solcher Austausch nicht mit einem Leiter allein, sondern es benötigt auch Helfer aus beiden Nationen – aus Freiberg waren Frau Pönitz und Frau Ilius dabei – die neben dem Job als Übersetzerinnen auch maßgeblich an der Organisation beteiligt gewesen sind und einen ebenso großen Dank verdienen. Neben all denen, die durch ihre Teilnahme und damit Träger der Motivation, Werte und der ausgezeichneten Stimmung waren und nicht in dieser Aufzählung fehlen dürfen, sei auch noch einmal besonders dem FSJler des Volksbundes Jan gedankt, für ein offenes Ohr und eine tolle Vorbereitung von Kennlernspielen, Warm-Ups, Stadtrundgängen und Lieder für die Gedenkfeiern.

Es waren 10 Tage Russland, und was ich jetzt mit diesem Land assoziiere, ist genug, um mich riesig auf ein Wiedersehen mit der Gegend südlich von Moskau sowie den dort lebenden Menschen zu freuen, egal ob unsere beiden Nationen einst in ärgster Feindschaft lebten oder nicht.

Aaron Herrmann